Souveränität und Selbstbewusstsein als Hundeführer

- 01.05.2021-

Ein guter Hundeführer. Was heißt das eigentlich und worüber definiert sich der Begriff?
Hundeführer klingt im ersten Augenblick sehr streng und herrisch, sind wir doch durch unsere Vergangenheit bei dem Begriff „Führer“ arg vorbelastet und negativ geprägt.
Doch wenn wir uns den Sinn hinter diesem Wort einmal neutral vor Augen führen, wird schnell klar, dass er durchaus seine Berechtigung hat.
Ein Hundeführer ist eine Person, die sich zur Aufgabe gemacht hat, den Hund an seiner Seite zu führen oder netter ausgedrückt, zu leiten.
Führen bedeutet nicht, dass ich im Augenblick des Trainings die Kommandos übe. Ebenso bedeutet es nicht, dass ich beim Spaziergang den Hund an der Leine führe, Leinenführigkeit übe, oder in Momenten der aktiven Auseinandersetzung mit dem Hund meinen Willen durchsetze.
Führen hat im Zusammenspiel mit unserem Vierbeiner eine komplexe und vielschichte Bedeutung. Sie umfasst jeden Augenblick des Zusammenlebens.

Was steckt dahinter?

Führung zu übernehmen bedeutet:
- eine sichere und verlässliche Bezugsperson zu sein.
- in ungewohnten, unsicheren oder gar kritischen Situationen, aktiv die Verantwortung zu übernehmen.
- die Bedürfnisse des Hundes aktiv zu erkennen und ihnen gerecht zu werden.
- zu verstehen, dass ein Hund kein Mensch ist und entsprechend seiner Natur behandelt und gefordert werden möchte.
- als Mensch in das Denken und Fühlen seines Hundes hinein zu versetzen und seine Sprache versuchen zu verstehen.
- die körperlichen und geistigen Grenzen des Hundes zu erkennen und zu respektieren, sei es im Alltag oder Leistungssport.
- seine Grenzen und Regeln klar gegenüber dem Hund zu vertreten, und zwar ohne Ausnahmen (Ausnahmen versteht ein Hund nicht, sondern verunsichern -> keine Zuverlässigkeit).

Es bedeutet nicht
- Grenzen/Regeln mit Gewalt, Druck und Aggression durchzusetzen.
- Kommandos im militärton oder gar laut schreiend zu äußern.
- dem Hund ständig klar machen zu wollen „wer hier der Chef ist“
- durch permanenten Drill und Abfrage den Gehorsam beibringen zu wollen

Was hat das mit Selbstbewusstsein zu tun?

Jede Interkation zwischen Mensch und Hund hinterlässt bei unserem Vierbeiner einen Eindruck oder wird interpretiert bzw. einer Bedeutung zugeordnet. Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind: Hunde beobachten uns ununterbrochen. Wenn wir gerade mit anderen Dingen beschäftigt sind, beobachten sie unsere Haltung, Gesten, Gesichtsausdruck und Stimmlage.
Deshalb sollte man bei jeder Interaktion mit dem Hund wissen, was man sagen möchte und es mit seiner Körpersprache in Einklang bringen – Hunde lesen und achten nämlich zum Großteil auf Körpersprache, auch untereinander.
Ein aufmerksamer Hund lässt sich allein durch Blicke und Körpersprache lenken, wenn man dies trainiert und seinen Körper entsprechend einsetzt.
Wenn man eine Führungsposition übernimmt, sei es im Beruf oder im Zusammenspiel mit dem Hund, muss man sich dessen was man sagt und tut, bewusst sein. Fragen Sie sich einmal selbst, mit welchem Vorgesetzen würden sie eher zusammenarbeiten und vertrauen?

Vorgesetzter Nr. 1:
- der unsicher, hektisch oder gar aggressiv ist?
- Sie in kritischen Situationen im Stich lässt?
- der jede Situation nutzt, um zu zeigen „wer das Sagen hat“?
- der ständig im Befehlston mit Ihnen spricht?
- dessen Körpersprache und Worte offenkundig nicht zusammenpassen?
- der immer nur nach seinen eigenen Bedürfnissen schaut?
- der ihre Arbeit und Mühe niemals anerkennt oder belohnt?
- der in seinen Aussagen und Aufgabenstellungen ungenau ist und es diese Woche rechts herum, und nächste Woche links herum haben möchte?
- ständig fordert ohne darauf zu schauen, ob es für Sie machbar ist bzw. wo ihre Neigungen, Bedürfnisse und Grenzen sind?
- Ihnen nicht vertraut und alles kontrollieren möchte?
- der Ihnen nicht zuhört und sie offenkundig nicht versteht?

Oder Vorgesetzter Nr. 2:
- der ruhig, klar und strukturiert mit Ihnen agiert
- der mit Ihnen als Team arbeiten möchte
- der sie in der Arbeit motiviert, nachfragt und diese lobend anerkennt
- der klaren Regeln und Aufgabenstellungen vorgibt
- der Ihre Grenzen, Neigungen und Bedürfnisse hinterfragt und die Aufgaben entsprechend anpasst, wenn diese Faktoren nicht übereinander zu bringen sind
- in einer kritischen Situation die Verantwortung übernimmt bzw. aktiv mit Ihnen an einer Lösung arbeitet
- Ihnen vertraut und somit auch Freiraum lässt
- der Ihnen zuhört und versucht sie zu verstehen

Ich denke wir alle kommen zu dem Schluss, dass Vorgesetzter Nr.2 sehr gute Voraussetzungen hat, Menschen zu führen. Was unterscheidet die 2 Personen voneinander auf dem ersten Blick?
Eine ganz wichtige Eigenschaft: Souveränität.
Das Wort bedeutet „(selbst-)sicher. Eine selbstsichere oder überlegene Person respektive ihr Handeln oder Auftreten kann bildungssprachlich als souverän bezeichnet werden.
Souveränität geht einher mit Selbstbewusstsein und hier schließt sich der Kreis: Erst wenn ich meiner Selbst bewusst bin (meinem Handeln, meiner Körpersprache, meiner Denkweise, Ziele und vor allem Wirkungsweise auf mein Gegenüber im Zusammenspiel von verbaler und Körpersprache), kann ich selbstsicher sprich souverän auftreten und die Führung übernehmen.

Wie werde ich souverän/ selbstsicher?

Die Antwort ist nicht pauschal zu beantworten, denn jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte und Blickwinkel.
Stellt man sich selbst jedoch die richtigen Fragen, kann man für sich reflektieren und sich seines Handelns bewusst werden, um daraus einen Weg für sich im Umgang mit dem Hund zu finden.
Was sehe ich in meinem Hund?
- Ist er für mich ein Tier, das funktionieren muss?
- Ist es ein Kinder-, Partner-, Menschersatz, den ich wie eben diese behandle?
- Ist es ein Haustier und/ oder Familienmitglied, mit dem man als Team im Alltag / im Leistungssport leben und agieren möchte?
Wie ist unser Zusammenleben?
- Bin ich meinem Hund gegenüber immer klar?
- Stimmt meine Körpersprache mit dem was ich sage überein?
- Bin ich für meinen Hund immer zuverlässig?
- Wann bin ich unsicher? Und warum?
- Wann bin ich aggressiv? Und warum?
- In welchen Situationen und warum vertraue ich mir/ meinem Hund nicht und warum?
- Verstehe ich meinen Hund und seine Bedürfnisse?
- Kenne bzw. erkenne ich seine Grenzen?
- Was möchte ich mit meinem Hund erreichen?
- Wie sollte der Alltag mit dem Hund aussehen, damit beide Seiten zu ihrem Recht kommen?

Stellen sie sich in aller Ruhe diese Fragen und antworten Sie bitte ehrlich, denn das ist der erste Schritt.
Hunde leben nicht in der Vergangenheit oder Zukunft, sondern im Jetzt. Und darum ist jetzt immer der richtige Zeitpunkt, etwas zu ändern.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dieser Weg seine Zeit braucht und holprig sein kann:
Wenn es klick macht - mein Weg zu mehr Gelassenheit
Doch wenn man sich zu diesem Schritt entschließt und umdenkt wird man feststellen, daß sich alles ändert: für beide Seiten.

Jennifer Holst

Translator