Wenn es "klick" macht - Mein Weg zu mehr Gelassenheit

- 01.05.2021-
Als angehender Trainer könnte man natürlich vortrefflich von oben herab predigen und anderen sagen, was man zu tun oder zu lassen hat.
Aber jeder Hundehalter hat seinen ganz eigenen Weg und persönliche Ansichten. Im Bezug auf meinen Beitrag "Souveränität & Selbstbewusstsein als Hundeführer" möchte ich an dieser Stelle meine Geschichte mit Smudo teilen, denn sie ist der Grund für mein Umdenken und soll zeigen, dass es manchmal Umwege braucht, um den richtigen Weg zu finden:

Der erste Hund und der Wunsch alles richtig machen zu wollen

Natürlich erinnere mich noch an diesen Tag: Der erste Hund kam in unser Haus, Leben und unsere Herzen.
Und wie viele Hundehalter vor mir habe ich im Vorfeld viele Sendungen geschaut und entsprechende Literatur gelesen.
Es ist wie nach der Geburt eines eigenen Kindes: was es wirklich bedeutet weiß man erst, wenn es da ist. Und wie beim ersten Kind hat man beim ersten Hund mit Unsicherheiten und ganz vielen „Expertenmeinungen“ zu kämpfen.
Und dann ist da neben dem ungewohnten Alltag auch noch die Fremdsprache „Hund“, die es zu entschlüsseln und richtig einzuschätzen gilt.
In den ersten Wochen gab es Höhen und Tiefen, nicht selten habe ich an mir gezweifelt und hier und ein paar Tränen vergossen. Meine Züchterin hat mir in der Zeit Gott sei Dank mit viel Geduld zur Seite gestanden.
Ich war darauf bedacht alles richtig zu machen, schaute rechts und links, was andere Welpen/ Hunde in dem Alter bereits konnten, wollte möglichst viel in die prägende Phase einfließen lassen, um einen Vorzeigehund zu bekommen.

Hundeschule top – Dummytraining flop?

In den Trainingsstunden der Hundeschule waren wir immer Vorzeigeschüler. Natürlich schmeichelt das und bestätigt einen als Hundehalter (ja Hundehalter, denn ein Hundeführer war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht). Aber in der Hundeschule ist man nur einen Bruchteil der Zeit und das was der Hund auf dem Platz zeigt, ist eine ganz andere Sache als das, was im Alltag und auf Spaziergängen zu Tage tritt.
Ich hatte wenig Vertrauen in meinen Hund und er auch nicht in mich.
Meine unbewusste Körpersprache und Unsicherheit konnten dem Hund keine Sicherheit bieten, vor allem nicht mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife. Sein Verhalten als Antwort auf mein Problem führte bei mir zu Frust, und noch mehr Unsicherheit und Selbstzweifel.
Mit dieser Voraussetzung konnte ich dem Hund nicht die Souveränität bieten, die er so dringend brauchte, denn gerade in der Pubertät erleben Hunde nochmals ein Wechselbad der Gefühle und schwanken zwischen selbstbewusst und ängstlich.

Das Resultat dieser Spirale zeigte sich in seiner vollen Bandbreite nicht nur im Alltag, sondern auch im Dummytraining.
Dort hatte ich mit massiven Übersprunghandlungen und einer Art Arbeitsverweigerung zu kämpfen. Es gab sehr gut laufende Trainings, aber diese wechselten mitunter mit gefühlten Vollkatastrophen.
Aus heutiger Sicht weiß ich, dass das Verhalten nichts mit Respektlosigkeit, sondern mit Unsicherheit und Unter/Überforderung zu hatte, die ich nicht erkannt und vor allem mit meiner mitunter aggressiven, verbalen Sprache gefördert habe.

Und obwohl mir sowohl meine Hundetrainern , als auch meine Dummytrainerin immer wieder ans Herz legten, nicht zu viel zu trainieren, weniger verbissen zu sein, mehr auf meine Körpersprache zu achten, am Selbstvertrauen zu arbeiten und vor allem mehr Spaß und Gelassenheit mitzubringen, konnte ich diese doch so einfach klingenden Ratschläge lange Zeit nicht umsetzen.
Letztendlich hat meine Dummytrainerin am Ende einer Trainingseinheit Tacheles geredet und mir klar gemacht, dass nur ein Umdenken zu dem Ergebnis führt, dass ich mir wünsche und so kein Weiterkommen in der Dummyarbeit möglich ist.
Sie stellte meine Kompetenz auf indirekte Weise in Frage, was mich komplett aus der Bahn warf und im ersten Moment sprachlos, entrüstet und mit Tränen in den Augen zurückgelassen hat. Ich habe mich innerlich über ihre Worte förmlich aufgeregt, fühlte mich gekränkt und missverstanden..
Aber sie wusste was sie tat, denn dieses Gespräch hat mich im Nachgang lange beschäftigt und in meinem Inneren fand ein über mehrere Wochen anhaltender Entwicklungsprozess statt, für den ich heute mehr als dankbar bin. Nach einer Phase der Selbstzweifel, kam der Blick auf das bereits erreichte und "die Flucht nach vorn" . Ich wurde aktiv und sagte mir "Du hast so viel erreicht, Du musst endlich los lassen und Dir & dem Hund vertrauen".

Dann hat es „klick“ gemacht

Und irgendwann lies ich los.
Ich lernte, meinem Hund mehr zu vertrauen.
Ich lernte, mehr auf die Signale meines Hundes zu achten.
Ich lernte, Grenzen und Regeln ruhig und konsequent durchzusetzen.
Ich lernte mit Spaß in den Alltag und an das Training zu gehen.
Ich lernte meinen Ehrgeiz zu zügeln und auf das zu schauen, was gut gelaufen ist.
Ich legte die Verbissenheit ab und lernte jeden Moment mit meinem Hund zu genießen.
Ich lernte die schlechten Dinge als Herausforderung zu sehen und nicht mit Angst zu meiden.
Ich lernte meine Stimme bewusst einzusetzen und den scharfen Ton im Training möglichst zu meiden, auch wenn gerade etwas nicht gut läuft.
Ich lernte auf meine Körpersprache zu achten und diese bewusst einzusetzen.
Ich lernte "Fehlverhalten" nicht als Ungehorsam sondern als Signal zu verstehen.
Ich lernte mehr Gelassenheit und Souveränität

Seitdem ein Umdenken stattgefunden hat, war unser Rüde inmitten der Pubertät viel besser händelbar, zuverlässig und für seine Situation gut sortiert im Kopf.
Natürlich gab es auch die schlechten Tage und Momente, in denen man das Chaos im Kopf förmlich sehen konnte und man das Gefühl hatte, alles erlernte ist gelöscht.
Aber ich wusste, dass dies nicht der Fall ist, sondern einfach eine anstrengende Phase bevorsteht, die aber auch ein absehbares Ende hat.
Wenn man diese Phase versucht, gelassen und vor allem als Ruhepol und Anker mit seinem Hund zu überstehen, festigt das die Bindung ungemein und hilft dem Hund selbst im Alltag sicherer und souveräner zu werden.
Smudo und ich sind als Team zusammengewachsen; er vertraut mir und ich vertraue ihm. Wir arbeiten seitdem mit viel Spaß, fokussierter, ruhiger und achtsamer. Das gibt uns den Push und unerwartete, schöne Erfolge, die uns immer weiter voran bringen.

Jennifer Holst

Translator